Was ist eigentlich dieses „Mietshäuser Syndikat“ von dem hier alle sprechen?

DER UNTERNEHMENSVERBUND

DAS PROJEKTE-SAMMELSURIUM
Über 120 Hausprojekte und Projektinitiativen bilden einen festen Verbund.
Das Bindeglied, das diesen Verbund herstellt, heißt Mietshäuser Syndikat. Jedes der Hausprojekte ist autonom, d.h. rechtlich selbstständig mit einem eigenen Unternehmen, das die Immobilie besitzt. Jedes hat die Rechtsform der GmbH, der „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“. Und es werden mehr. Das Mietshäuser Syndikat ist generell offen für neue, selbstorganisierte Hausprojekte. Die Folge ist, dass der Verbund fröhlich weiter wächst.
Doch wie funktioniert das Mietshäuser Syndikat? Was ist der Zweck?

HÄUSER KOLLEKTIV ANEIGNEN
Trotz der Unterschiedlichkeiten finden sich bei allen Hausprojekten vergleichbare Ausgangssituationen:
• Hier entwickeln die Bewohner_innen eines Hauses eine Vision: Die Übernahme „ihres Hauses“ in Selbstorganisation.
• Da nimmt eine Gruppe tatendurstiger Menschen leere Häuser in´s Visier: Sie suchen ausreichenden und vor allem selbstbestimmten Wohnraum – häufig auch in Kombination mit öffentlichen Räumen für Veranstaltungen, für Gruppen, Projekte und Betriebe.
• Dort suchen die Besetzer_innen eines sogenannten Abrissobjektes nach einer Perspektive, trotz der Wechselbäder von Räumungsdrohungen und Verhandlungen. Allen gemeinsam ist der kollektive Wunsch nach einem Haus, in dem es sich selbstbestimmt leben lässt, dem nicht irgendwann die Zwangsräumung oder Abrissbirne winkt; mit bezahlbaren Räumen, die nicht durch Hausverkauf oder Umnutzung latent bedroht sind. Dieser Wunsch steht am Anfang eines jeden Projekts. Wie wir wissen, werden Mietshäuser, die eine dauerhafte kollektive Selbstbestimmung der Bewohner_innen über die eigenen vier Wände vorsehen, auf dem normalen Immobilienmarkt nicht angeboten. Also fasst die betreffende Gruppe irgendwann den kühnen Plan, einen Hausverein zu gründen, um das Objekt der Begierde einfach zu kaufen.

DIE KAPITALFRAGE
Fatalerweise geht der starke Wunsch der Initiative nach einem selbstorganisierten Hausprojekt so gut wie immer einher mit einer äußerst schwachen Kapitalausstattung der Mitglieder. Für den Erwerb der Immobilie muss der Hausverein Hunderttausende von Euros leihen:
Mit Krediten von der Bank und/oder direkt von Menschen, die das Projekt unterstützenswert finden und dort ihre Ersparnisse parken („Direktkredite“; darauf wird noch eingegangen). Das ist keine einfache Aufgabe, denn Kredite kosten laufend Geld, nämlich Zinsen und Tilgung. Sie betragen oft mehr als 3/4 der Mietzahlungen. Soll die Miethöhe sozial noch erträglich sein, ist der Spielraum äußerst knapp und das Projekt nur bei sehr niedrigen Kreditzinsen finanzierbar.

DER BLICK ÜBER DEN GARTENZAUN
Da bei einer größeren Anzahl von Projekten nicht alle gleichzeitig in der schwierigen Anfangsphase sind, kann es Sinn machen, einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Situationen verschiedener Hausprojekte zu schaffen:

DEN AUSGLEICH ORGANISIEREN
• Etablierte Altprojekte sollen neue Projektinitiativen beraten und ihr Know-how zur Verfügung stellen: Man muss das Rad nicht jedes Mal neu erfinden. Und sie können in politischen Auseinandersetzungen bei umkämpften Immobilien öffentliche Unterstützung leisten.
• Vor allem: Die Altprojekte sollen Überschüsse zu Gunsten neuer Projektinitiativen transferieren, statt ihre wirtschaftlichen Spielräume durch regelmäßiges Aufpeppen des Wohnstandards und/oder Mietsenkungen für sich zu verbrauchen. Denn durch die allmähliche Tilgung der Kredite ist die Zinslast bei Altprojekten erheblich niedriger und sinkt von Jahr zu Jahr immer stärker.
• Umgekehrt kann der Kontakt mit Projektinitiativen und ihrer Dynamik wieder Bewegung in das stehende Gewässer mancher Altprojekte bringen. Ein solcher Ausgleich zwischen autonomen Hausprojekten geht aber nicht von selbst über die Bühne, sondern will organisiert sein: Es muss vor allem eine dauerhafte Verknüpfung zwischen den Projekten hergestellt werden. Die Organisation eines solchen Solidarzusammenhangs ist die Idee des Mietshäuser Syndikats. Das Vereinsstatut des Syndikats von 1992 benennt als Ziel, „die Entstehung neuer selbstorganisierter Hausprojekte zu unterstützen und politisch durchzusetzen: Menschenwürdiger Wohnraum, das Dach überm Kopf, für alle.“

KONKRET BEDEUTET DAS:

1) MITGLIED WERDEN BEIM MIETSHÄUSER SYNDIKAT
Der erste Schritt ist die Gründung eines Hausvereins, in dem die Bewohner_innen des Hauses Mitglieder_innen sind.
Die Unterstützung für ein Projekt kann nur durch eine Abstimmung auf einer Mietgliedsvollversammlung des Mietshäuser Syndikat Vereins beschlossen werden. Hierfür muss das neue Projekt auf der Vollversammlung vorgestellt werden.
Eine Aufnahme richtet sich nach den entsprechenden Prinzipien des Mietshäusersyndikats und der Realisierbarkeit des Projekts.

2) GmbH-GRÜNDUNG
Der Hausverein bildet zusammen mit dem Syndikat eine GmbH. Damit sind beide Gesellschafter_innen dieser „Hausbesitz-Gmbh“ und haben bei grundlegenden Entscheidungen gleiches Stimmrecht. Hierbei wirkt das Syndikat als eine Art „Kontrollinstanz“ um z.B. Reprivatisierungen zu verhindern. Bei allen weiteren Fragen die das Haus betreffen hat der Hausverein alleiniges Stimmrecht.
Das Stammkapital für die Gründung einer GmbH teilt sich in 12.600 Euro, die der Hausverein, und 12.400 Euro die das Miethäusersyndikat einbringt. Dadurch ersteht ein Unternehmensverbund, dem das Prinzip des Solidartransfer zu Grunde liegt.
Jedes Hausprojekt zahlt einen bestimmten Solibetrag, der sich von der Wohnfläche ableitet, in einen gemeinsamen Topf, aus dem heraus wieder neue Wohnprojekte unterstützt werden.

3) FINANZIERUNG
Die 12.600 € muss der Hausverein als Eigenkapital aufbringen. Hinzu kommt eine Mitgliedseinlage für den Beitritt beim Mietshäuser Syndikat Verein von mindestens 250 €.
„Geld – das gibt es bei allen guten Banken und Sparkassen.“
Aber: Erstens treiben Bankkreditzinsen die Mieten weit in die Höhe. Zweitens leiht die Bank in der Regel nur einen Teil der Investitionskosten und setzt voraus, dass der andere Teil als Eigenkapital vorhanden ist, nicht nur die mageren 25.000 EUR Stammkapital. Als Ausweg aus dem Dilemma bieten sich Direktkredite an.
Menschen, die das Projekt kennen und unterstützenswert finden, können Ersparnisse direkt bei der Hausbesitz-GmbH anlegen und parken – ohne Umweg über die Bank, die ihre Kosten und Gewinnspanne bezahlt haben will.

WAS SIND EIGENTLICH „DIREKTKREDITE“?
„… lieber 1000 Freund_innen im Rücken als eine Bank im Nacken …”

Direktkredite sind Geldbeträge, die dem Projekt – ohne den Umweg über eine Bank – direkt geliehen werden. Sie bieten Einzelpersonen und Gruppierungen die Möglichkeit einer sinnvollen, sozialen, ökologischen und nachhaltigen Geldanlage. Dafür wird zwischen den Kreditgeber_innen und dem Hausprojekt ein Kreditvertrag abgeschlossen, in dem die Rahmenbedingen, wie Zinsen und Laufzeit, geregelt sind.
Die Summe die durch Direktkredite aufgebracht werden muss, sollte sich auf mehrere Kreditgeber_innen aufteilen, um Finanzierungseinbrüche bei einer Kündigung eines Direktkredits zu vermeiden.
Die Direktkredite sind Nachrangdarlehen. Das bedeutet, dass im Falle einer Insolvenz, zuerst der Bankkredit oder andere Kredite von nicht-nachrangigen Kreditgeber_innen zurückgezahlt werden müssen. Die Direktkredite machen einen Bankkredit in der Regel aber nicht überflüssig.
Für die Summe, die nicht durch solche Direktkredite und Eigenkapital gestemmt werden kann, muss ein zusätzlicher Kredit bei einer Bank aufgenommen werden

WEITERE INFORMATIONEN…

… finden Sie auf: https://www.syndikat.org/de/